Auszug aus dem Buch "Mr Nice" von Howard Marks:
Seite 161 ff.
![]() "In Lugano, Europas Rio de Janeiro, wohnten wir im Hotel Splendide und früstückten mit Blick über den See. [...] Die Sonne spiegelte sich auf der Oberfläche des [Luganer] Sees. Am gegenüberliegenden Ufer lag ein kleines Dorf, eingerahmt von herrlichen Bergen. "Dieser Ort sieht so schön aus, Albi. Ich würde dort gerne hinfahren." "Okay. Liebling, wir fahren zum Mittagessen hin und feiern." Es war eine Fahrt von zehn Minuten. ![]() An der Brücke über den See kamen wir an einem Restaurant namens >La Romantika< vorbei, dann fuhren wir durch das Örtchen Bissone und über einen unbesetzten Grenzübergang. Auf einem Ortsschild stand >Campione d'Italia<, und eine italienische Flagge wehte. Viel Verkehr floß in beiden Richtungen über die Grenze, also fuhr ich weiter. Das Dorf kombinierte auf ausgezeichnete Weise alte und moderne Architektur, und die Einwohner schienen alle sehr reich zu sein. Es gab ein großes Kasino. Wir fuhren durch den Ort durch und auf einer Landstrasse weiter, die sich nach einer halben Meile gabelte. Wir probierten es links und wurden von vier japanischen Wächtern angehalten. Wir versuchten es rechts. Die Strasse endete an einem Tennisplatz. Was
für ein seltsamer Ort! Wir waren in Italien, konnten aber nach nirgendwo
sonst in Italien fahren. Also waren wir wohl doch noch in der Schweiz. Im
Zentrum der Ortschaft gab es ein italienisches Lokal, >La Taverna<.
Perfekt gekleidete Kellner geleiteten uns zu einem Tisch im Freien, der
mit blitzsauberen Glas, Besteck und Porzellan gedeckt war. Der Kellner,
der uns bediente, sprach fliessend Englisch."Sind wir in Italien oder in der Schweiz?" fragte ich. "Wir nehmen beide Währungen an, Sir. Wir nehmen alle Währungen und alle Kreditkarten an. Darf ich vorschlagen, daß Sie sich selbst am Antipasti-Tisch bedienen?" "Aber in welchem Land sind wir denn nun wirklich?" beharrte ich. "In Italien." "Leben Sie hier?" fragte ich weiter. "Jetzt, ja. Aber ich komme von Sizilien." Draußen hielt ein Londoner Taxi. Ein gutaussehender, bebrillter, fünzigjähriger Deutscher betrat das Restaurant, in Begleitung eines grellgekleideten Rastafaris, eines reichen Cockney Geschäftsmannes, eines Sophia-Loren-Doubles und einer blonden teutonischen Schönheit. Das Lokal füllte sich mit überaus sehenswerten Persönlichkeiten. Irgendwo hatte ich mal gelesen, daß Mafiabosse Brunello di Montalcino zum Essen zu trinken pflegen. Es gab ihn auf der Speisekarte, also bestellte ich welchen. Wir aßen und tranken und liessen es uns gutgehen. "Das ist wirklich ein erstaunlicher Ort hier, Judy. Die Telefone sind schweizerisch, Der Polizist da drüben ist Italiener, aber die Kennzeichen an seinem Auto sind schweizerisch. Was geht hier eigentlich vor?" Mit dem Auto konnte man zwar von Campione d'Italia nirgendwo sonst in Italien hinfahren, es hatte aber mal eine Seilbahn zum nächsten italienischen Berg gegeben, und Boote verkehrten zwischen Campione d'Italia und den Häfen des wirklich italienischen Teils der Küste des Luganer Sees. Beninato Mussolini hatte ein Kasino im Dorf erbauen lassen. Ein geheimer Tunnel, von dem jeder wußte, verband das Kasino mit dem Pfarrhaus. Ich fand Campione herrlich.[...] Judy sah sich nach einer Wohnung um[...]. Zwei Wochen später saßen Judy und ich in einer frisch gemieteten Wohnung in der Via Totone in Campione d'Italia am Luganer See, mit atemeraubender Aussicht auf die Stadt Lugano und die erhabenen Gipfel des San Salvatore und des Monte Bre. Ich war gerade um 300.000 Dollar reicher geworden." |
Mit freundlicher Genehmigung des Autors