
Diese Briefe an meine Mutter habe ich bislang noch nicht abgeschickt. Ich glaube sie würde sie sowieso nicht lesen! Ihre Unterstützung bei meiner Therapie ist gleich Null, was habe ich eigentlich anderes erwartet?

09.02.1998 Hallo, weißt Du eigentlich, was Du mir angetan hast, weil Du immer weggesehen hast? Ich habe mir immer gewünscht, das Du mich mal drückst, oder mit mir mal kuschelst. Eigentlich weiß ich garnicht, wie ich anfangen soll, irgentwie fühle ich zwar das Du meine Mutter bist, aber Du hast Dich nie so verhalten. Heute bin ich selber erwachsen und ich merke wie wichtig es ist Vertrauen zu seinem Kind zu haben und es ihm auch zu zeigen. Ich habe mich immer ungeliebt gefühlt, als wenn ich eh nur unerwünscht war und mit der Prügel, die ich ewig bekommen habe, wurde viel in mir kaputt gemacht. Du kannst Dich nicht in meine Lage versetzen, weil ich einfach jahrelang nur Qualen erlebt habe und ich nie jemanden hatte, dem ich wirklich vertrauen konnte. Weißt Du eigentlich, daß ich nicht einschätzen kann, wie Du reagierst, oder wie es Dir geht? Ich habe das Gefühl, daß Du mich garnicht an Dich heranläßt. Hast Du Angst, Deine Gefühle zuzulassen, ich finde es scheiße, das wir nicht wie Erwachsene miteinander reden können. Mir ist es manchmal zuwider Dir zuzuhören, z.B. wenn Du über den Alten redest. Ich habe mir mein Urteil über ihn gebildet und ich werde mir da auch nicht ´reinreden lassen. Aber ich habe das Gefühl, Du akzeptierst meine Meinung einfach nicht! Was ich auch nicht verstehe ist, das Du immer noch sagst, Du wußtest nichts von dem Mißbrauch, aber Du kannst mir nicht erzählen, daß ich mich nicht verändert habe, oder das ich scheu geworden bin, das ich vor Etwas Angst gehabt habe. Das mußt Du doch gemerkt haben! Außerdem glaube ich, das ich genügend Signale von mir gegeben habe, z.B. blutige Slips, oder das jahrelange Bettnässen, oder das ich sehr früh Alkohol getrunken habe, oder als ich das E-695 genommen habe, oder..., oder..., oder...! Und Du willst wirklich nichts gemerkt haben? Oder hast Du Angst, daß ich die Meinung habe, daß Du als Mutter versagt hast, aber das glaube ich langsam wirklich! Deine Tochter |

15.02.1998 Hallo, Ich überlege seit Tagen, wie ich diesen Brief beginnen soll und was ich für eine Anrede benutze. Jetzt habe ich mich entschieden, also nur "Hallo". Weißt Du, ich denke viel über unser Verhältnis nach, in welcher Beziehung wir eigentlich zueinander stehen. Ich mach´ mir auch Gedanken, wie es Dir geht, nur weiß ich nicht, ob Du auch mal an mich denkst. Mir ist aufgefallen, das ich immer noch, wie die kleine Sigrid, Dir gegenüberstehe und ich mich einfach nicht traue Dir alles zu sagen. Vielleicht habe ich auch Angst, daß ich Dich zu sehr belaste, aber egal ich werde Dir jetzt Einiges erzählen. Auf mich hat auch nie jemand Rücksicht genommen, und jetzt denke ich nur an mich, auch wenn Du denkst ich bin ein Egoist. Weißt Du, in all den Jahren, habe ich nie Liebe erfahren, ich wurde nur ausgenutzt und benutzt, alle haben auf mir rumgetreten. Es ging soweit, daß ich mich selber nutzlos und schmutzig gefühlt habe und meine anderen Gefühle einfach nicht mehr zugelassen habe, weil ich lieber tot, als lebend war. Aber ich will leben, ich möchte mein Leben mit Karl-Heinz und Heiko leben. Mit anderen Menschen möchte ich Spaß haben, aber die will ich mir aussuchen und ich will nicht immer das Gefühl haben, ich muß was leisten, oder ich muß was schenken. Ich möchte Beziehungen und Freundschaften, die auf Ehrlichkeit gebaut sind. Ich mußte das erst lernen, ehrlich zu sein, aber ich habe es geschafft. Weißt Du eigentlich, was ich mir schon seit Jahren wünsche? Das Du mich einfach mal drückst, oder das Du mich lobst und nicht nur in meiner Abwesenheit über mich sprichst. Das Du mich einfach akzeptierst. Weiß Du, ich verstehe nicht, oder doch schon (ich weiß was Mißbrauch für ein Thema ist), aber wie kann man einfach Augen, Ohren und den Mund verschließen und zusehen. Jetzt wirst Du wieder beteuern, nichts davon gewußt zu haben, aber das glaube ich Dir nicht mehr! Weil ich mich verändert haben muß und so blind ist keine Mutter, oder hast Du Angst, man könnte Dich fragen "Wo waren Sie? ...sie haben Ihr Kind vernachlässigt!" Eins ist mir klargeworden, der Alte hat mich nicht ohne Grund geprügelt. Heute habe ich oft den Gedanken, daß er sich daran aufgegeilt hat, wenn er geprügelt hat, aber das werde ich vielleicht mit ihm noch klären! Im Moment möchte ich mir ganz sicher sein, welche Rolle Du in meinem Leben spielst. Ich weiß es noch nicht, aber ich will Dir ´ne Chance geben. Wir werden uns bestimmt auch noch ´ne Menge zu sagen haben, was bestimmt nicht immer ruhig abgehen wird. Sigrid |

Ich weiß noch nicht, ob und wann ich die, oder einen von beiden Briefen an meine Mutter sende!
