ADS - was ist das? Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom |

Der Geist will nicht zur Ruhe kommen
(aus: Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 2. Januar 1999)
Wer kennt es nicht, das Bild des zerstreuten Professors? Der vergeßliche Kauz, der unkonzentriert von einem Gedankenfeld zum nächsten springt, oft die Orientierung verliert, aber doch immer irgendwie freundlich zu sein scheint, obwohl man sich bei ihm nicht sicher ist, ob er jemanden überhaupt wiedererkennt? Albert Einstein war so ein Mensch, und auch Mozart, Thomas Edison und George Bernard Shaw sollen so gewesen sein. Eigentlich ganz liebenswerte Zeitgenossen.
Psychiater vermuten heute, daß sie möglicherweise an einer Erkrankung litten, die gegenwärtig in den USA immer mehr ins wissenschaftliche Blickfeld rückt - "Attention Deficit Disorder" (ADD), zu deutsch: das Aufmerksamkeitsschwäche-Syndrom.
Die amerikanische Psychiatrie-Gesellschaft führt ADD schön seit einigen Jahren als anerkannte Krankheit, die es gezielt zu behandeln gilt In Deutsch land tut sich die Fachwelt damit jedoch noch schwer. ,,Das Allgemeinwissen über das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom", meint der Berliner Kinderpsychiater Wolfgang Doll, ist in Deutschland von Unkenntnis, Hilflosigkeit und Vorurteilen geprägt. "Zerstreutheit und geistige Ruhelosigkeit wurden hierzulande bei Erwachsenen entweder
als typische Symptome unseres Streßzeitalters oder bei älteren Menschen sogar als unvermeidliche "Verkalkungserscheinung" abgetan. Unkonzentrierte und hektische Kinder würden allenfalls als hyperaktiv eingeordnet und dementsprechend behandelt.
Ein bedauerliches Defizit, wie der amerikanische Psychiater Edward Hallowell betont: "Hyperaktivität kann bei ADD im Spiel sein oder auch nicht, tatsächlich sind nicht wenige Betroffene ziemlich still und verträumt." Und diese Stillen im Lande der Zerstreuten bleiben dann in der Regel ohne therapeutische Hilfe - obwohl auch sie behandlungsbedürftig sind.
Hallowell hat sich mit dem Psychiater und Harvard-Professor John Ratey ausführlich mit dem ADD-Problem auseinandergesetzt, die Forschungsergebnisse erschienen nun auch in deutscher Sprache ("Zwanghaft zerstreut" , Rowohlt-Verlag, 42 DM). Ihrer Schätzung nach leiden 15 Millionen Amerikaner am zwanghaften Durcheinander im Kopf. Für den deutschen Bereich muß dementsprechend von einer Zahl von etwa fünf Millionen ausgegangen werden.
Ursprünglich nahm man an, daß Aufmerksamkeitsstörung nur im Kindesalter auftritt, um dann mit dem Erwachsenwerden zu verschwinden - ähnlich, wie es bei der Hyperaktivität der Fall ist. "Inzwischen wissen wir jedoch", sagt Hallowell, "daß nur ein Drittel der Betroffenen die Krankheit überwindet, die restlichen zwei Drittel haben sie auch im Erwachsenenalter."
Die Krankheit tritt bei Kindern und Erwachsenen auf - bei Männern etwa dreimal so häufig wie bei Frauen. Sie geht quer durch alle ethnischen Gruppen, soziale Schichten sowie Intelligenz und Bildungsgrade. Die Betroffenen können es aufgrund ihre Impulsivität sogar sehr weit bringen. Prominentestes aktuelles Beispiel ist der Schauspieler Dustin Hoffmann, der sich kürzlich als ADD-Patient outete.
Die ADD-Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, doch vieles scheint auf biochemische Faktoren hinzuweisen. So fanden Wissenschaftler bei ADD-Kranken ein Glukose-Stoffwechsel (Glukose ist der zentrale Energielieferant des Gehirns), der durchschnittlich um acht Prozent niedriger war als bei gesunden Menschen. Am stärksten war das Glukose-Defizit im Stirnhirn, wo die Grundlagen für das Planen und Vorausdenken geschaffen werden. Auf der anderen Seite scheint ADD aber auch in der Familie zu liegen: Ein Drittel aller Eltern von ADD-Kindern leidet selbst unter dieser Erkrankung. Dies spricht dafür, daß auch das Erbgut eine wichtige Rolle spielt.
Doch trotz einer möglichen Verankerung von ADD im Erbgut stehen die Chancen recht gut, seine Symptome zu mindestens aufs Erträgliche zu lindern.
"Ein großer Behandlungsschritt", erklärt Hallowell ist bereits vollzogen, wenn die Patienten über ihr Syndrom etwas erfahren und entdecken daß es einen Namen dafür gibt. In der weiteren psychotherapeutischen Behandlung geht es dann darum, den Betroffenen ein neues Selbstwertgefühl zu geben und sie in ihrem Alltag klare und stabile Strukturen finden zu lassen. Denn Psychiater fanden heraus: Eine gesunde Portion solider Bürgerlichkeit kann für ADD-Patienten wie eine Aufbauspritze wirken.
Jörg Zittlau
![]() | |