Der Islam – vereinbar mit Selbstmordanschlägen ?

 

 

„Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass er einen Mord begangen oder Unheil auf der Erde angerichtet hat, so soll er wie einer sein, der die ganze Menschheit getötet hat.

Und wenn jemand einen Menschen am Leben erhält, soll es so sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“ (Sure 5,32)

 

Verbietet der Islam also den Selbstmordangriff ?

 

Zunächst müssen die in dieser Diskussion verwendeten Begriffe genau definiert werden:

Der Koran verbietet eindeutig das Töten unschuldiger Menschen, daran besteht kein Zweifel. Mord, Totschlag, Terror und Angriffe auf Unschuldige, ja selbst Körperverletzung, stellen im islamischen Strafrecht schwere Vergehen dar... Die Scharia erlaubt die Tötung eines Menschen einzig als Strafe für ein Kapitalverbrechen, z.B: für Ehebruch, als Strafe für Aufruhr und Rebellion – wie zB. bei Apostasie, als Wiedervergeltung – oder im Kriegsfall.

 

Der Koran verbietet zwar den Selbstmord ebenso (Sure 4,29) wie die Überlieferung. Wenn es dort um das Verbot des Selbstmordes geht, dann ist derjenige angesprochen, der sich aus Verzweiflung, aus Not, Angst vor Folter oder Qual selbst das Leben nimmt und Gottes Fürsorge damit leugnet. Ein Attentat, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes ausgeführt wird, wird nach dieser Logik jedoch nicht als Logik aufgefasst, sondern als Einsatz für die Sache Gottes, als letztes Mittel gegen die unrechtmäßige Unterdrückung der Gemeinschaft der Muslime. Teilweise wird der Jihad auch als Verteidigung der Menschenrechte angesehen, die Muslimen in Palästina genommen werden, als Begrenzung von Unrecht, das andernfalls überhand nehmen würde. 

 

Daher wird ein Selbstmordattentat nicht von allen Muslimen als Mord bzw. Totschlag betrachtet. Das liegt unter anderem auch im Vorbild Muhammads begründet, aus dessen Leben und Handeln Muslime unterschiedliche Schlussfolgerungen ableiten:

 

Muhammad führte mit seiner großen Anhängerschar, die er in Mekka gewinnen konnte, zahlreiche Kriege gegen die, die sich seiner Verkündigung und Herrschaft entgegenstellten. 

(400 Jahre langer Terror um und im gesamten Mittelmeerraum, bis zu dem Aufruf zum Kreuzzug im Jahr 1095).

 

Der Koran verurteilt diese „Ungläubigen“ und ihren Widerstand gegen den Islam, der in zahlreichen Koranversen mit dem Widerstand gegen Gott und seinen Gesandten gleichgesetzt wird. Der Koran bezeichnet die Gegner Muhammads z.B als „Freunde Satans“: „Diejenigen, die gläubig sind, kämpfen um Gottes Willen, diejenigen, die ungläubig sind, um der Götzen Willen. Kämpft nun gegen die Freunde Satans ! Die List des Satans ist schwach.“ (Sure 4, 76)

 

 Prophet ! Führe Krieg gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart gegen sie ! Die Hölle wird sie (dereinst) aufnehmen – ein schlimmes Ende !“  (Sure 9,73)

 

Muhammads Vorbild in allem nachzuahmen, gehört zu den unabänderlichen Glaubenspflichten für jeden Muslimen. Die entscheidende Frage lautet, wie Muhammads Vorbild von den Gläubigen nachgeahmt wird. Wenn nun Muslime, diesen der ersten muslimischen Gemeinde verordneten Kampf gegen die „Ungläubigen“ auf heutige Auseinandersetzungen übertragen, dann ist es nicht einfach, ihnen eine prinzipiell falsche Auslegung des Korans vorzuwerfen. Ein Feind des Islams, der sich seiner Verbreitung aktiv entgegenstellt- wie dies besonders Israel durch seine bloße Existenz tut – darf nach dieser Auffassung getötet werden, denn: die Tötung des Feindes gilt nun als Verteidigung des Islam.

 

Erwähnt werden muß auch die Auffassung des Korans und der muslimischen Theologie vom Märtyrertum. Der im Jihad (heiliger Krieg), dem „Einsatz für die Sache Gottes“ oder der „Anstrengung auf dem Weg Gottes“ Gefallene geht nach muslimischer Überzeugung unmittelbar ins Paradies ein. Etliche Koranverse verbinden den Einsatz für Gott, den daraus folgenden Tod und das Paradies miteinander „Wenn ihr nun auf die Ungläubigen stoßt, dann schlagt sie auf den Nacken ! Wenn ihr sie schließlich vollständig niedergerungen habt, dann legt sie in Fesseln ... und denen, die auf dem weg Gottes getötet werden, ihr Wirken wird nicht umsonst gewesen sein. Er wird sie recht leiten, alles für sie in Ordnung bringen und sie ins Paradies eingehen lassen, das er ihnen zu erkennen gegeben hat“ (Sure 47, 4-6)

 

Und wenn ihr um Gottes Willen getötet werdet oder sterbt, so ist Vergebung und Barmherzigkeit von Gott besser als das, was ihr zusammenbringt“ (Sure 3, 157)

                                                                  

Ein Märtyrer ist also nach diesem Verständnis eine Person, die ihr Leben aktiv im Kampf für die Sache Gottes gibt, während ein Märtyrer nach Auffassung des alten Testaments und der früheren christlichen Kirche eine Person ist, deren Leben genommen wird, wenn sie vor der Wahl steht, den eigenen Glauben zu verleugnen oder den Tod zu erdulden.

 

Ein Selbstmordattentäter in Palästina oder Indonesien wird sich also nicht als Selbstmörder auffassen, den im Jenseits die Strafe Gottes erwartet, sondern als Kämpfer und Verteidiger des Islam, der sein Leben einsetzt, um die Unterdrückung der muslimischen Gemeinschaft durch die Aggressoren zu beenden. Zwar gilt auch dann immer noch, dass der Islam den Mord an Unschuldigen nicht gestattet und zum Frieden aufruft, aber nach traditioneller Auffassung eben doch zu einem Frieden, der dann entsteht, wenn alle Menschen unter der Scharia leben und überall der Islam aufgerichtet ist.

 

Im Großen und Ganzen fällt es muslimischen Gelehrten daher schwer, Selbstmordattentate zu verurteilen.

 

 

 

Auszug aus der Publikation: „Sind Selbstmordanschläge mit dem Islam vereinbar ?“

Erschienen in:                                    der Nr. 1/2006, in der Zeitschrift „Vision 2000“

Herausgeber und Verleger:   Verein Vision 2000 ; Elisabethstraße  26 ; 1010 Wien ;

                                                Internet: http://www.vision2000.at/

Redaktion:                             Alexa und Dr. Christof Gaspari, Joseph Doblhoff