Abtreiben ! – warum nicht ?
Kann ein
Embryo als Mensch bezeichnet werden ?
Der bekannte Journalist
P. Lingens, nach eigenen Angaben ein Agnostiker, wendet gegen die christliche
Behauptung, er sei schon Mensch, ein, man nenne doch auch ein befruchtetes Ei
nicht “Henne”, obwohl im Ei das gesamte genetische Programm der – eben: –
späteren Henne enthalten sei. Dieser Einwand läßt sich nur entkräften, wenn man
bedenkt:
·
Wenn der Agnostiker (oder Materialist) die
Entwicklung der menschlichen Ei- und Samenzelle bis zur Geburt des Kindes
sozusagen beobachtet, wartet er auf eine gewisse “höhere” Komplexität,
menschen-ähnliches Aussehen und menschliche Funktionen. Aber all das bildet
sich allmählich in organischem Wachstum, und es bleibt eine Ermessensfrage,
wann man nach diesen Kriterien
von einem “Menschen” im Vollsinn zu reden bereit ist.
·
Für den Christen (und jeden denkenden Menschen, der
erkannt hat, daß der Mensch etwas wesentlich anderes ist als ein Tier!) stellt
sich die Frage in anderer Form: Er wartet nämlich nicht auf
Menschen-Ähnlichkeit, sondern auf das Hinzutreten einer unsterblichen,
personalen, von Gott erschaffenen Seele zur organischen Materie.
Dieses geheimnisvolle
Ereignis kann seiner Natur nach nie empirisch “bewiesen” werden, und es ist nur
“im Augenblick” vorstellbar. Angesichts des Zeugungs-Vorganges muß man aber
sagen: Der allerwahrscheinlichste Moment der Erschaffung der Seele ist der
Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, und dagegen kann man nicht
einwenden, daß sich diese Verschmelzung selbst doch auch in der Zeit erstreckt.
Denn die Tatsache, daß wir den Augenblick der Erschaffung nicht mit letzter
Sicherheit ausmachen können, beweist nicht, daß es nicht tatsächlich nur um
einen “Augenblick” handeln kann.
Der Embryo kann diese
Seele nur haben oder nicht haben, ein “allmähliches Werden” der Seele ist
unvorstellbar. Und: Auch die hohe Wahrscheinlichkeit der Existenz eines
Menschen im Vollsinn des Wortes verbietet jeden Angriff auf sein Leben.
Daraus folgt: Auch der Embryo -
der natürlich unschuldig ist - hat ein unverbrüchliches Recht auf Leben und ein
Recht auf Schutz des Gesetzes, wie ihn alle Menschen genießen, wenigstens
solange sie sich nicht eines besonders bösen
Verbrechens schuldig gemacht haben.
Andreas
Laun, Weihbischof von Salzburg